17 Wer die Unterweisung beachtet, weist den Pfad zum Leben, wer aber der Ermahnung nicht folgt, führt andere in die Irre. (Sprüche 10,17 nach der Zürcher)

Jeder Mensch hat eine Verantwortung gegenüber anderen und der Allgemeinheit schlechthin. Vielleicht war es diese Beobachtung, die den Königsberger Philosophen Immanuel Kant zu seinem berühmten kategorischen Imperativ inspirierte: „tue stets nur das von dem Du zugleich auch wollen kannst, dass es allgemeines Gesetz werde“. Auch wenn es gute Gründe gibt, Kants Imperativ zu kritisieren, liegt dennoch auch etwas Wahres darin. Es kann helfen, sich zu überlegen wie die Welt aussähe, wenn alle so handeln würden wie wir: Würde es uns als Menschheit weiterbringen oder eher nicht?
Ein Teil unserer Verantwortung liegt darin begründet, dass unser Verhalten immer Nachahmer finden wird. Menschen orientieren sich an anderen und so wird jeder zum Vorbild – ob er will oder nicht. Ein Mensch, der guten Rat annimmt wird ein gutes Vorbild sein und anderen den Weg des Lebens zeigen, umgekehrt gilt: Wer auf schlechten Wegen lebt wird auch andere mitnehmen und in die Irre führen.
Ich halte das für einen ernüchternden Gedanken. Mir wäre es lieber wenn ich ein neutrales Leben führen könnte in dem ich nur für mich selber verantwortlich wäre. Leider geht das nicht. In der Konsequenz führt es dazu, dass ich so leben will, dass es Menschen zum Guten anreizt. In biblischen Kategorien bedeutet das, ein heiliges, tugendhaftes und moralisch hochstehendes Leben zu führen. Auch wenn das nicht immer gelingt hilft es schon das Ziel zu haben.
Wieder einmal enthält dieser Bibelvers eine Weisheit die auch für Menschen gültig und umsetzbar ist, die keinem Glauben angehören und keinem Gott folgen.

[systematisch durch die Bibel]

So langsam nähern wir uns dem Ende von Barths kurzer Einführung in die evangelische Theologie. Mit der Vorlesung über den Dienst, haben wir das siebzehnte und zugleich vorletzte Kapitel erreicht. “Dienen” ist ein oft genutztes Wort in der christlichen Szene. Man “dient” am Wort, in der Gemeinde, dem Nächsten usf. Wer dieses Wort benutzen will muss damit rechnen missverstanden zu werden und kommt somit nicht um eine Definition herum. Beginnen wir also mit Barths Definition:

Theologische Arbeit ist Dienst. DIENEN ist, allgemein definiert: ein Wollen, Wirken und Tun, in welchem Einer nicht in eigener Sache und nicht nach eigenem Plan, sondern im Blick auf die Sache eines Anderen, auf dessen Bedürfnis und Verfügen und nach dessen Anweisung handelt – ein Tun, dessen Freiheit durch die Freiheit dieses Anderen begrenzt und bestimmt – ein Tun, dessen Ehre um so größer ist, je mehr es dem Täter nicht um seine eigene Ehre, sondern um die dieses Anderen geht.1

Dienst hat also etwas damit zu tun, sich selbst zurückzustellen, einen Moment nicht auf sich selbst sondern auf den Anderen zu schauen. Nicht so einfach. Tatsächlich glaube ich schon seit Jahren nicht mehr an die Reinheit der Motive. Wer mit dem Dienen darauf wartet, dass er völlig reine Motive hat, wird wohl bis zum Sanktnimmerleinstag warten. Dienst ist immer auch eine Entwicklung auf das Ideal hin. Wenn wir in Bewegung bleiben kann Gott uns korrigieren. Gott wird an unseren Motiven für den Dienst arbeiten und uns immer mehr von uns selbst reinigen.
Neulich habe ich einen interessanten Satz gehört. Leider weiß ich nicht mehr, wer ihn gesagt hat: “Ich traue keinen Leitern unter vierzig – die arbeiten noch zu sehr an ihrem eigenen Dienst und daran selbst groß zu werden.” Ob das immer so stimmt sei einmal dahingestellt, aber ein Fünkchen Wahrheit ist darin enthalten: Wir brauchen eine ganze Weile um die Größe zu entwickeln die nötig ist um klein zu sein und anderen zu dienen.

Im heutigen Zeitgeist betrachtet ist dann seine Ansicht über die Bedeutung des Studiums ungewöhnlich:

Es dürfte darum – nebenbei gesagt – unweise, wenn nicht geradezu gefährlich sein, wenn der theologische Anfänger, statt in den wenigen, nicht wiederkehrenden Universitätsjahren gesammelt dem Studium als solchem nachzugehen, sich unruhig maikäfernd bereits in allerlei christliche Aktivitäten stürzt oder gar, wie es in gewissen Ländern üblich ist, mit einem Fuss schon im kirchlichen Amt steht.2

Heute stellen wir gerne die Praxis an die erste Stelle und viele würden deswegen am “maikäfern” nichts Schlimmes finden. Für Barth ist die Theorie (so weit man von einem theologischen Studium überhaupt als “theoretisch” sprechen kann) die Grundlage für eine gute Praxis. Offenbar führt gute Theorie zur Praxis und man wird kein guter Praktiker, wenn man die Zeit der Theorie überschlägt. Ich schwanke ob ich ihm Recht gebe oder nicht. Zwei Seelen schlagen, ach, in meiner Brust – einerseits ja: Man muss Zeit im Studium und dem Gebet verbringen; warum dann nicht gleich Jahre? Andererseits finde ich eine Verflechtung zwischen Theorie und Praxis, Studium und Dienst, ideal. Zu denken, dass man sechs Jahre studiert und dann nicht mehr ist falsch. (Barth denkt das auch nicht, aber diesen Gedanken treffe ich bei vielen an die Theologie studiert haben und dann erst mal keine Bibel mehr in die Hand nehmen.)

Ein drittes Zitat passt nicht recht in diese Trilogie, da es aber demselben Kapitel entstammt und es in seiner Aussage so fundamental ist, dass ich es Euch nicht vorenthalten will, bringe ich es gleich hier an:

Es versteht sich z.B. im Leben der christlichen Gemeinde nie von selbst, dass sie mit allen ihren Unternehmungen und Einrichtungen dem Worte GOTTES – dass also nicht etwa das Wort Gottes IHR und ihren Unternehmungen und Einrichtungen zu dienen hat.3

[mehr über Karl Barth]

  1. Karl Barth: Einführung in die evangelische Theologie, Seite 201 []
  2. Karl Barth: Einfürhung in die evangelische Theologie, Seite 204 []
  3. Barth, Karl (1985): Einführung in die evangelische Theologie. 3. Aufl. Zürich: Theolog. Verl, S. 208 []

16 Der Lohn des Gerechten erhält ihn am Leben, der Ertrag des Frevlers verführt ihn zur Sünde.

Dass der Lohn einen Menschen (gerecht oder nicht) am Leben erhält dürfte sich selbst erklären. Interessanter ist also die Frage, wieso der Frevler von seinem Ertrag zur Sünde verführt wird.
Da der Text nichts über das warum sagt, muss man Salomo schon einige Gedanken in den Kopf legen. Vielleicht ist der Frevler dadurch gekennzeichnet, dass es ihn immerfort nach mehr verlangt. Er kann den Hals nicht voll bekommen und jeder Ertrag macht begierig auf mehr. Wer so lebt gerät leicht auf Abwege. Das Maß der Sünde kann dann sehr unterschiedlich ausfallen. Es beginnt da, wo man um der Karriere willen die Familie leiden lässt oder gar ganz opfert. Es endet da, wo man bereit wird, alles für Geld zu tun und somit offen wird für krumme Wege.
Das Problem, das an der Wurzel all dessen liegt, ist eine falsche Unzufriedenheit. Während der Gerechte zufrieden sein und sich bescheiden kann, vermag der Ungerechte das nicht. Wieder einmal läuft es auf eine Frage der inneren Einstellung hinaus.

[systematisch durch die Bibel]

Natürlich gehört zur theologischen Arbeit mehr als das Gebet. Hier kann man an die alte Regel der Mönche denken: ora et labora – bete und arbeite. Das Prinzip ist absolut biblisch, niemand sollte nur arbeiten (und damit den Bezug zu Gott verlieren) und niemand sollte nur beten (und damit seine Verantwortung in der Welt nicht ernst nehmen. Barth drückt es so aus:

Gebet ohne Studium wäre leer. Studium ohne Gebet wäre blind.1

Kommt beides zusammen, sind schon einmal zwei bedeutende Grunddisziplinen des christlichen Glaubens erfüllt. Die logische Frage “was ist denn Studium?”, die sich daran anschließt, beantwortet Barth wie folgt:

“Studium” heißt in dem uns hier interessierenden Sinn: eines Menschen tätige, u.zw. ernstlich, eifrig, fleissig tätige Bemühung um eine bestimmte, ihm und Anderen gestellte Erkenntnisaufgabe: seine aus eigenem Trieb und Drang in freier Neigung und Lust strebsam ins Werk gesetzte Beteiligung am Versuch ihrer Beantwortung.2

Ich mag an dieser Definition zwei Aussagen: dass sie auf eine Freiwilligkeit der theologischen Beschäftigung abhebt, aber auch, dass es eine zielgerichtete Beschäftigung mit einem Gegenstand ist. Man studiert um etwas in Erfahrung zu bringen. Man erhofft sich einen Erkenntnisgewinn der so kostbar ist, dass man bereit ist, vieles daran zu setzen ihn zu bekommen. Heutzutage scheint Studium (speziell im universitärem Bereich) sinnfreier zu sein. Viele studieren einfach und sammeln Wissen an ohne sich Erkenntnisziele zu setzen. Wer nicht weiß was er will, wird es auch nicht bekommen. Da ist mir Barths Definiton schon sehr sympathisch.

[mehr über Karl Barth]

  1. Karl Barth: Einführung in die evangelische Theologie, Seite 187 []
  2. ebd. []

15 Der Besitz des Reichen ist seine feste Burg, ihre Armut ist das Verderben der Geringen. (Sprüche 10,15 nach der Zürcher)

Dieser Spruch ist keine theologische, psychologische oder pädagogische Weisheit. Es ist erst einmal nur eine soziologische Beobachtung. Bis heute diskutieren Geisteswissenschaftler über die Folgen von Armut und Reichtum. Interessant, dass man sich auch vor hunderten von Jahren darüber Gedanken gemacht hat.
So richtig diese Beobachtung auf den ersten Blick auch ist, sie ist durchaus auch Einschränkungen unterworfen – zumindest der erste Teil. Wie z.B. die Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre zeigte, ist die Burg des Reichtums nicht so fest und krisensicher wie man annehmen sollte. Es gibt viele Szenarien und Beispiele die die Burg des Wohlstandes quasi über Nacht einstürzen lassen. Ohne dem Prinzip aus Sprüche 10 zu widersprechen prophezeit z.B. Jakobus 5 gegen die Reichen, deren Reichtum zerfallen und sie im Stich lassen wird.
All das wusste natürlich auch Salomo, dem bekannt war, wie schnell etwa ein Krieg, ein Umsturz oder eine Naturkatastrophe die Besitzverhältnisse verändern kann. Salomo kann nicht gemeint haben, dass Besitz die höchste Form von Sicherheit und damit das Erstrebenswerteste überhaupt ist; dazu ist er auch sonst viel zu philosophisch.
Um eine festere Burg als Wohlstand zu finden müssen wir ins Neue Testament schauen wo wir eine Hoffnung finden die weit über diese Welt hinausreicht. Besitz ist eine irdische Erscheinung und als solche den üblichen Schwankungen alles irdischen ausgesetzt. Gott aber kann eine Hoffnung geben, die buchstäblich diese Welt überdauert (Matthäus 24,35; Johannes 16,33).

[systematisch durch die Bibel]

Die vierte und letzte Abteilung von Vorlesungen der Einführung in die evangelische Theologie beschäftigt sich mit der theologischen Arbeit. Die einzelnen Vorträge sind überschrieben mit Gebet, Studium, Dienst und Liebe. Schön, dass Barth gerade nicht mit dem Studium beginnt sondern mit dem Gebet – geistlicher Dienst sollte aus Gebet geboren werden, nicht aus dem Verstand; anders würde es sehr leicht eine Kopfgeburt werden.
Wieder einmal wird Barth fast poetisch, als er über das Gebet als Verbindung zu Gott spricht.

Rechte, brauchbare theologische Arbeit ist dadurch ausgezeichnet, dass sie in einem Raum geschieht, der nicht nur (das ist freilich auch gut und nötig) offene Fenster zu dem sie umgebenden Leben der Kirche und der Welt hin, sondern vor allem und entscheidend OBERLICHT hat, will sagen: offen ist vom Himmel, von Gottes Werk und Wort her, und offen zum Himmel, zu Gottes Werk und Wort hin.1

Barth stellt hier, negativ formuliert, eine große Gefährdung der Theologie dar: Sie kann sich abkapseln von Kirche, Welt und Gott. Theologen stehen immer in der Gefahr, sich in ihren Elfenbeinturm zurückzuziehen und im luftleeren Raum ihre Ideen zu entwickeln und Bücher zu schreiben. Um eine gewisse Erdung (gerade nach oben) kommen wir nicht herum. Ich kenne selbst das Problem, dass die reale Welt “lästig” ist und man sich lieber aus ihr zurückzöge. Gut, wenn auch Theologen vom Kaliber eines Karl Barths davor warnen.

[mehr über Karl Barth]

  1. Karl Barth, Einführung in die evangelische Theologie, Seite 177 []

14 Die Weisen halten ihr Wissen zurück, aber der Mund eines Toren führt schnell ins Verderben.

Es ist eine Feinheit der Weisheit dass sie sich nicht aufdrängt. Weise Menschen sind nicht selten zurückhaltend und müssen nicht mit ihrer Weisheit andere bedrängen und ihnen ständig imponieren. Mit der Weisheit kommt oft eine innere Sicherheit die es unnötig macht andere als Publikum zu missbrauchen um sich selbst zu produzieren.
Bei den Toren ist es gerade andersherum. Sie stehen unter dem Drang sich allen mitzuteilen und möglichst jeden an ihrem bisschen Wissen teilhaben zu lassen. Das wird leicht peinlich, denn sie reden sich um Kopf und Kragen. Leider weiß oftmals jeder im Raum, dass der Tor Unsinn redet – außer dem Toren selbst. Wie viel besser ist es da zu schweigen und zu lernen!
Es ist eine Eigenschaft wahrhaft weiser Menschen, dass sie lieber lernen und eine Eigenschaft von Toren, dass sie lieber reden. Klar, dass eine lernende Haltung eher zu gesellschaftlicher Akzeptanz führt als die Ansicht, dass man schon alles weiß…

Page 1 of 24612345»102030...Last »